Vom Sündenbock zur Lolcow

Anti-Fandoms, hatewatching und die Dialektik der Partizipationskultur

Authors

Keywords:

Anti-Fandom, Hatewatching, Partizipationskultur, YouTube, Drachenlord, MaxPro3500, Affektive Ökonomie, Cybermobbing

Abstract

Die explorative Studie untersucht die Spielarten zeitgenössischer Anti-Fandoms, die primär auf digitalen Plattformen stattfinden, aber längst auch darüber hinaus soziale und materielle Folgen nach sich ziehen. Ausgehend von dem als Drachengame bekannten Anti-Fandom um den YouTuber Drachenlord werden im ersten Schritt die Bandbreite sowie die Extreme der hierbei involvierten Praktiken aufgezeigt. Hier wird deutlich, wie ein stark vernetztes Anti-Fandom das Leben einer Privatperson kontrollieren kann, während Anti-Fans gleichzeitig ihre Täter:innenschaft marginalisieren, indem sie Realität zur Fiktion verklären. Durch den Vergleich mit den Anti-Fans des Influencers MaxPro3500 tritt die in beiden Communities zentrale Rolle von hatewatching in den Vordergrund. Die Analyse von TikTok-Reposting-Accounts sowie der Kunstfigur Sören-Santiago erweitert im Anschluss die bisher existierenden Typologisierungen um casual und ethical hatewatching.

In der Untersuchung dieser Anti-Fandoms reflektiert der Beitrag einerseits die bisher wenig beschriebene -Rolle spezifischer Plattforminfrastrukturen und -affordanzen. So weichen Anti-Fans etwa gezielt auf externe Plattformen aus, auf denen der von ihnen verbreitete Hass nicht sanktioniert wird, oder verhindern durch koordinierte Reuploads, dass Content-Creator:innen die ihnen zuteilwerdende Aufmerksamkeit monetarisieren können.

Andererseits sollen die hiermit eng verbundenen affektiven Ökonomien des Hasses untersucht werden. In Erweiterung der Theorien Sara Ahmeds wird hier die Existenz einer sekundären affektiven Ökonomie vorgeschlagen, die beschreibbar macht, wie aus der mit Anti-Fandoms verbundenen Aufmerksamkeit Profit abgeschöpft werden kann – sowohl für diejenigen, gegen die sich der Hass richtet, als auch für diejenigen, die ihn verbreiten.

Der Beitrag zeigt damit ein Spektrum der Praktiken des Anti-Fandoms auf, das von casual hatewatching bis zu jahrelanger koordinierter Belästigung im echten Leben reicht. Hierin wird auch deutlich, was sich als Dialektik der Partizipationskultur bezeichnen lässt: Galten die Möglichkeiten der sozialen Medien und des Web 2.0 lange als progressiv und basisdemokratisch, zeigt sich hier, wie diese Kultur in ihr Gegenteil verkehrt werden kann.

Author Biography

  • Moritz Konrad, Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Moritz Konrad studierte freie Kunst an der Akademie der bildenden Künste Karlsruhe sowie Kunstwissenschaft und Medienphilosophie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Exzellenzcluster „Imaginamics: Practices and Dynamics of Social Imagining“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Hier promoviert er in Medienwissenschaft und forscht zu den Formen visuellen Humors in Internet-Memes sowie deren Einfluss auf das politische Denken und Handeln von Kollektiven und Individuen.

Published

2026-06-26